|
Vortrag: dementielle
Erkrankung
am 10. April 2011 hatte
die NBH wieder einen interessanten Vortrag über Demenz
angeboten. Referentin: Frau Mia Schunk, Erlanger
Psychogerontologin
 |
Die Menschen werden immer älter. Mit der Langlebigkeit
wächst jedoch auch das Risiko, an Demenz zu erkranken. Liegt es
bei den 60- bis 65-Jährigen noch unter einem Prozent, steigt es
bei den über 90-Jährigen auf knapp 40 Prozent. Da seit der
Einführung der Pflegeversicherung in Deutschland rund 70 Prozent
der alten Menschen zu Hause gepflegt werden,
sind von Demenz nicht nur die Patienten selbst, sondern
zunehmend auch die pflegenden Angehörigen betroffen.
Mit
einem Vortrag der Erlanger Psychogerontologin Mia Schunk
wollte die Nachbarschaftshilfe Isen, Lengdorf, Pemmering
den Angehörigen helfen, die mit der Herausforderung, ein
Familienmitglied mit dementieller Symptomatik zu
pflegen, konfrontiert sind. Schunks zentraler Rat lautet
übrigens: „Überlegen Sie sich, wie Sie als
Alzheimerpatient behandelt werden wollen“. Wir haben von
Beratung bis Risikofaktoren die wichtigsten Aussagen der
Expertin zusammengefasst. |
Beratung
„Die Beratung der Angehörigen ist über die ganze Krankheit
hinweg ein wichtiger Baustein“, sagte Schunk. Sie kläre nicht
nur Fragen rund um Betreuung und Pflege, sondern helfe auch die
Isolation zu überwinden. Eine weitere gute Möglichkeit sei es,
sich einer Angehörigengruppe anzuschließen.
Diagnose
„Es gar nicht so leicht, die Anfänge einer Demenzerkrankung
herauszufinden“, so die Expertin. Da die Demenz vom Alzheimer
Typ im Anfangsstadium ähnliche Symptome wie eine
Schilddrüsenunterfunktion, eine Depression oder eine
Tumorerkrankung aufweisen kann, sei es nötig Ausschlussdiagnosen
zu erstellen. Doch eine Demenzsymptomatik sei nicht automatisch
mit Alzheimer gleichzusetzen. Daneben gebe es vaskuläre Demenzen
etwa nach einem Schlaganfall, oder maskierte Depressionen. Dazu
komme, dass die Betroffenen aus Angst vor der Diagnose die
Untersuchung hinauszögern.
Ehrlichkeit
„Seien Sie auch dem Demenzkranken gegenüber ehrlich, tun sie nie
so als ob, denn er registriert ihre Stimmung genau“, empfahl sie
den pflegenden Angehörigen, sich in Konfliktsituationen auch
einmal zurückzuziehen.
Erinnern
Anfangs fehlen den Alzheimerpatienten nur Wörter und Gesichter,
später ist ihnen das Wissen um Handlungsabläufe abhanden
gekommen. „Komplexes Handeln“, so Schunk, ist nicht mehr
möglich, das räumliche Vorstellungsvermögen verschwindet. Die
folge ist, dass die Patienten beim Kaffeekochen kaltes Wasser in
die Filtertüte gießen oder den Weg nach hause nicht mehr finden.
Trotzdem sei es möglich, an alte Erinnerungen und Lebensthemen
anzuknüpfen.
Geborgenheit
„Der Alzheimerpatient hat Sehnsucht nach den Lebensphasen, in
denen er sich er sich sicher und geborgen gefühlt hat“. Diese
Geborgenheit gelte es, so Schunk, auch im täglichen Leben so gut
wie möglich zu vermitteln. „Der Demenzkranke braucht jemand, der
ihn an der Hand nimmt und sagt, reg dich nicht auf“. Auch in der
letzten Phase, so riet die Psychogerontologin, sei es wichtig,
so mit dem Kranken umzugehen, „als würde er alles aufnehmen“.
Gehirntraining
„Gegen die Alzheimersche Krankheit ist kein Kraut gewachsen“,
machte die Gerontologin deutlich. So sei es ein Irrtum zu
glauben, tägliches Kopfrechnen oder das Lernen von Gedichten
könne der Erkrankung vorbeugen. „Richtig ist allerdings, dass
ein Mensch, der sein Gehirn beschäftigt, Vorteile gegenüber
solchen Menschen hat, die nur ihre Alltagsroutine leben“.
Gelassenheit
„Reagieren Sie gelassen“, riet die Expertin den Angehörigen.
Besser als den Alzheimerkranken mit seinen Fehlern zu
konfrontieren, sei es, ihm Erfolgserlebnisse zu verschaffen. So
sei es in der Anfangsphase der Krankheit durchaus möglich, ihn
kleine Arbeiten ausführen zu lassen. „Dabei ist es viel
wichtiger, dass der Patient etwas selbstständig tut, als dass
das Ergebnis perfekt ist“, sagte Schunk. Doch die Gesunden seien
oft nicht nur schnell mit Vorwürfen („Was hast du denn jetzt
wieder gemacht“) zur Hand, sie seien insgesamt zu schnell für
den Kranken. „Schon die einfache Frage auf eine Tasse braucht
Zeit auf Antwort“, riet Schunk, die Langsamkeit zu akzeptieren.
Hilfe
„Hilfe braucht nicht nur der Patient, sondern die ganze
Familie“. Schunk riet, nicht bis an die Grenzen der
Belastbarkeit zu gehen und Hilfsangebote, wie sie beispielsweise
die Nachbarschaftshilfe durch stundenweise Betreuung anbietet,
anzunehmen. „Sie haben das Recht, auch an sich zu denken“, sagte
sie.
Humor
Humor könne helfen, problematische Situationen zu entschärfen.
„Wenn man gemeinsam darüber lachen kann, dass der BH über den
Pullover angezogen wurde, weiß die Patientin, ich hab zwar etwas
falsch gemacht, aber wir können gemeinsam darüber lachen“. Ohne
Humor werde es schwer fallen, ein gemeinsames Leben mit einem
Demenzkranken zu gestalten, bemerkte Schunk.
Ursachen
Neben Erbanlagen gelten Umwelteinflüsse, Stress,
Autoimmunprozesse, Gifte und Entzündungsprozesse als mögliche
Einflussfaktoren, an Alzheimer zu erkranken. „ich bin aber
optimistisch, dass die große Ursache gefunden wird“, sagte die
Gerontologin.
Risikofaktoren
Bluthochdruck, Diabetes, zu hohe Blutfettwerte und Rauchen sind
für Schunk „beeinflussbare Risikofaktoren. Ein Stück weit haben
wir es durch unseren Lebensstil in der Hand, ob wir krank werden
oder nicht“. Einfühlsam und anschaulich referierte die Psychogerontologin Mia
Schunk über Demenz.
Foto und Bericht: Anne Huber
|